2016/09/18

Unkraut


Ich beuge mich über ein Blatt Papier und male für die Arbeit Lippen. Wo meine Brille steckt, weiß ich nicht, also hänge ich praktisch mit der Nase vor dem Blatt, immer darauf achtend, dass meine Haare nicht durch die Farbe gehen und die Aquarell-Münder verwischen. Als ich merke, dass ich nicht mal genau sehe, in welchen Farbtopf ich meinen Pinsel eigentlich tunken soll, denke ich an dich.

Deine Art hatte mich fasziniert. Du warst unruhig, immer auf Zack, kamst auch mal ohne Brille zur Schule, dabei warst du nahezu blind ohne deine Gläser. Deine zotteligen Haare waren ein Alptraum, dein Kleidungsstil fand ich schrecklich und doch mochte ich dich. Du hattest mich oft zur Weißglut gebracht, ich konnte mich stundenlang über dich aufregen - darüber, dass du dein Ausschnitt immer zu weit unten getragen hattest, dass du dir nicht Mühe gegeben hattest, damit die Leute dich mögen, dass du immer ohne Brille zeichnen musstest und praktisch mit der Nase vor dem Blatt saßt, hat mich besonders aufgeregt. Ich glaube sogar, dass ich mich irgendwie in dich verliebt hatte und mich das frustriert hatte, dabei stehe ich nicht mal richtig auf Mädchen.

Eines Tages stritten wir uns heftig, die ganze Schule konnte jede Beleidigung und Vorwürfe, die wir uns in jener Pause an den Kopf warfen, mithören. Was der Auslöser war, weiß ich heute nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich es hasste, wie du dich nicht anpassen wolltest. Ich gab dir die Schuld dafür, dass mich niemand mochte. Ich dachte, du wärst der Grund für den Hass meiner Mitschüler auf mich.

Wir haben danach lange nicht mehr miteinander gesprochen. Du bist auf eine andere Schule gewechselt, wo du mehr Gleichgesinnte fandest. Ich blieb an der Schule und war froh, als ich irgendwann doch noch Freunde gefunden hatte. Zumindest dachte ich, dass es Freunde waren. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Nach ein paar Jahren und nachdem ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, nahmen wir den Kontakt zueinander wieder auf. Ich bin in die Stadt gezogen, in der du zur Schule gingst und du lebst noch immer in der Stadt, in der die Schule steht, die ich noch immer besuchte. Zu der Zeit tat es mir unglaublich leid, was ich dir vorgeworfen hatte. Als du mir sagtest, du wärst nicht mehr wütend auf mich, war ich so glücklich.

Ich kam nach der Schule wieder zu dir - diesen verdammt steilen Weg hoch auf den Berg war ich nicht mehr gewohnt - und wir hingen zusammen ab. Ich graulte deine Katze und du hast gezockt. Besonders blutige Horror-Games mochtest du am liebsten. Du erzähltest von deinen coolen Mitschülern und ich freute mich so für dich, dass du endlich in einer freundlichen Umgebung angekommen bist.
Deine Mutter war anfangs noch wütend auf mich, weil ich dir so viel Unrecht getan hatte und ich konnte sie vollkommen verstehen. Als sie mich dann an einem warmen Nachmittag in eurer Küche in den Arm nahm, der Raum war voll mit Zigarettenrauch, und mir vergab, war ich - zumindest glaube ich das - erleichtert.

Abends hast du mich zur Bushaltestelle begleitet. Wir standen oben auf dem Berg und konnten die ganze Stadt sehen. Die Schule, die Straße in der mein Vater arbeitet, die vielen Dächern und den Sonnenuntergang. Alles war so klein und nichtig - hier hatte ich oft das Gefühl, dass alles egal war. Was die anderen Menschen von mir dachten, wie klein diese Welt ist und wie einfach es doch wäre, einfach den Berg hinunter zu springen und über die Stadt zu fliegen. Den kompletten Berg bist du mit mir herunter gelaufen, wir haben uns unten dann verabschiedet, als der Bus kam.

Obwohl das alles nun mehr als 5 Jahre her ist, denke ich hin und wieder an dich. Wir haben so gut wie kein Kontakt, manchmal like ich deine Bilder auf Facebook und denke kurz an dich. Und immer wieder bin ich froh darüber, dass wir uns vertragen konnten. Dass ich keinen Groll oder Reue mehr verspüre, wenn ich an dich denke. Du warst wahrscheinlich das erste Mädchen, in das ich mich verliebt hatte und du hast mir so viel beigebracht, ohne es zu wissen. Über Freundschaft, über das Leben und über die Liebe zur Kunst und Gestaltung. Darüber, wie egal es eigentlich ist, wie andere über mich denken, solange ich das tue, was ich liebe. Du hattest mir eine Lektion für das Leben verpasst, ohne es wirklich zu wollen.

Danke. Dafür, dass du meine Freundin warst.

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